Berufsbilder

Dramaturgin

Marlene Hahn // Oper Graz

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© Werner Kmetitsch

Was macht man als Dramaturgin?

Ich gehöre zum künstlerischen Team einer Produktion und begleite den Prozess von Beginn an mit: Von der Idee diese Oper zu spielen bis zur letzten Vorstellung.

Konkret bedeutet das, dass ich mich ca. 1 ½ – 2 Jahre vor der Premiere mit Regie, Bühne, Kostüm, Dirigat treffe und wir das Stück lesen, interpretieren, recherchieren, Fragen stellen etc. In regelmäßigen Abständen tauschen wir unsere Ideen, Einwände und Impulse aus, bis sich daraus eine konkrete Regie-Idee entwickelt. Dazu gehören dann auch Überlegungen zur Strichfassung, Größe des Chores, Anzahl der Statist_innen, etc.

Sechs Wochen vor einer Premiere beginnen in der Regel die szenischen Proben, bei welchen ich mein Wissen oftmals bewusst vergessen soll, um die Funktion einer Zuschauerin einnehmen zu können, die die Hintergründe zum Regie-, Bühnen- und Kostümkonzept nicht kennt. Ich bin sozusagen „die erste Zuschauerin“ und diskutiere im Anschluss an die unterschiedlichsten Proben (mit oder ohne Kostüm, auf der Probebühne oder Bühne) das bisherig Erarbeitete mit dem Team, manchmal auch mit Solist_innen oder Musiker_innen: Gibt es dramaturgische Schwachstellen oder Ungeklärtes? Erzählt sich der rote Faden?

Gleichzeitig stehe ich allen Beteiligten der Produktion für mögliche auftauchende Probleme zur Verfügung und versuche zu vermitteln und Konflikte zu lösen. Ich bin also Vermittlerin zwischen den verschiedenen Theater-Bereichen (Dispo, Technik, Kostüm, Maske, Solist_innen, Regie etc.).
Kommt die Premiere näher, übernehme ich die Position der Vermittlerin zwischen Kunstwerk und Zuschauer_innen und betreue diverse Begleitprogramme (u. a. Einführungen, Kostprobe, Matinée VOR einer Premiere / diverse Nachgespräche, Nachklang für Studierende NACH einer Premiere). Regelmäßig besuche ich nach der Premiere Aufführungen und gebe der Abendspielleitung Feedback, die dieses wiederum mit Technik, Soli, Chor etc. bespricht. Darüber hinaus bin ich für fast alle schriftlichen Erzeugnisse einer Produktion zuständig: Vom Text im Spielzeitheft, auf der Homepage, über die Bühnenseiten, Programmheft, die Übertitel (verkürzter Text in deutscher Sprache, welcher parallel gezeigt wird) und betreue die sozialen Kanäle (Probenfotos, Interviews, atmosphärische Bilder etc. für Facebook und Instagram).

 

Wie wird man Dramaturg_in?

Es gibt, wie bei vielen Berufen am Theater, verschiedene Möglichkeiten. Der erste Weg wäre der direkteste: Man studiert Dramaturgie, z. B. an der August Everding Hochschule in München. Der zweite Weg wäre einen Hochschulabschluss im geisteswissenschaftlichen Bereich zu absolvieren, wie Theaterwissenschaft, Germanistik, Philosophie oder natürlich Musikwissenschaft. In diesem Fall ist es von Vorteil, wenn man sich dann schwerpunktmäßig in Richtung Theater fokussiert.
Bei beiden Wegen gilt es, dass man sich während des Studiums praktische Erfahrung aneignen sollte. An den meisten deutschsprachigen Theatern handelt es sich um unbezahlte Praktika/Hospitanzen. Neben der praktischen Erfahrung, die man wiederum in die Hochschulausbildung einfließen lassen kann, ist der persönliche Kontakt sehr wichtig, da die Theaterwelt auf einem starken Networking aufbaut. Dieses Netzwerk hilft nach dem Hochschulabschluss eine Stelle zu finden, entweder direkt als Dramaturg_in oder mit dem Zwischenschritt als Dramaturgie-Assistent_in.  

 

Welche Fähigkeiten braucht man für diesen Job?

  • Musikalische Kenntnisse
  • Die Fähigkeit Prozesse analytisch zu begleiten
  • Empathie
  • Begeisterung für Sprache – ob sprachlicher, musikalischer oder szenischer Natur
  • Die Fähigkeit ruhig und sachlich zu bleiben
  • Die Fähigkeit andere Meinungen zuzulassen und über die Auseinandersetzung mit diesen zu neuen Erkenntnissen zu kommen, also auch die Fähigkeit eine Diskussion zu führen, bzw. an einer teilzunehmen

 

Was macht Ihnen dabei am meisten Spaß?

  • Immer wieder neue, spannende, sehr unterschiedliche Persönlichkeiten, Ansichten kennenzulernen.
  • Eine Stütze für viele großartige Ideen, Künstler_innen zu sein, ihnen zu helfen das Bestmögliche aus sich herauszuholen. Wenn das gelingt, gibt es kein größeres Glück als im Zuschauerraum – bei Proben oder Vorstellungen – zu sitzen und sich daran zu erfreuen.
  • Über die Fragen, die die Kunst an uns stellt, mehr über mich, meine Umwelt, das Leben ganz allgemein zu erforschen.

 

Was sind die größten Herausforderungen?

  • Eine Balance zwischen den beruflichen Anforderungen (Abendproben, Wochenend- und Feiertagsdiensten, Bereitschaft greifbar zu sein) und privater Zeit zu schaffen.
  • Ein ausgewogenes Verhältnis zwischen der Loyalität zum Haus und der Loyalität zum Regisseur/zur Regisseurin, bzw. zur Produktion zu finden.

 

Welchen Tipp haben Sie für angehende Dramaturg_innen?

  • Offen zu bleiben, sich links und rechts für andere Kunstarten (Kino, Ausstellungen, Festivals), andere Lebensbereiche (Physik, Soziologie, Psychologie …) zu begeistern
  • Viel live sehen, erleben, und darüber reflektieren, mit anderen diskutieren
  • Man darf und sollte als Dramaturg_in immer wieder Abstand zum Kunstwerk und Kunstprozess gewinnen – daraus ergibt sich ein schärferer, objektiverer Blick, der wiederum dem Team und damit der künstlerischen Arbeit helfen kann.
  • Fremdsprachen zu lernen

 

Marlene Hahn ist seit 2015 Musikdramaturgin an der Oper Graz. Neben der Aufgabe als Dramaturgin konzipiert sie eigene Stücke und führt Regie, z. B. „Hotel Elefant“ (2017) und „The Corridor“ (2020). Seit 2010 arbeitete sie in gleicher Position am Theater Augsburg, wo sie auch die künstlerische Leitung des dortigen Opernballs innehatte. Weiters arbeitete sie für das Brecht- und das Mozartfestival und betreute als Regieassistentin Opernproduktionen am Theater Augsburg. Marlene Hahn ist Absolventin des Elitestudiengangs Ethik der Textkulturen, den sie neben dem Studium der Germanistik und Kunstgeschichte an der Universität Augsburg im Herbst 2011 beendete.

 

Stand: Mai 2019